So ein Aufhebungsvertrag ist schon ein herber Einschnitt in den gewohnten beruflichen Rhythmus. Über so viele Jahre hinweg war es immer gleich. Um die gleiche Zeit aufstehen, sich anziehen, ob mit oder ohne Frühstück – auf jeden Fall musste man sich rechtzeitig auf den Weg zur Arbeitsstelle machen und dann begann der (berufliche) Alltag.

Mit dem Aufhebungsvertrag ist auf einmal alles anders. Obwohl Sie sich hoffentlich frohen Herzens zur Unterschrift entschieden haben.

Auf jeden Fall haben Sie jetzt erst mal Zeit, das Konto ist voll und genaugenommen sind das die besten Voraussetzungen für einen beruflichen Neustart. Allerdings sollten Sie gerade jetzt nicht unterschätzen, dass Sie sich gleichzeitig in einer kritischen Lebensphase befinden.

Wenn es negativ gelaufen ist …

Natürlich ist die Freude über die Zeit und das Geld erheblich gedämpft, wenn das Zustandekommen des Aufhebungsvertrags und ihr Abschied von der Firma eher belastend war.

  • Wurde Ihnen der Aufhebungsvertrag nahegelegt, mehr oder weniger gegen Ihren Wunsch, und haben Sie die letzten Tage in der Firma mit unschönen Begleiterscheinungen erlebt, dann ist es verständlich, wenn Sie insgeheim – oder offen nach außen getragen – noch immer der Groll darüber begleitet. Oder: Auch wenn Sie Äußerungen wegstecken mussten, die für Sie nahe an persönliche Verletzungen gingen, bleiben die Gedanken gerne in der Vergangenheit hängen. Das führt dazu, dass die aktuelle Situation nach unten zieht.
  • Vielleicht erleben Sie die Situation als paradox: Einerseits werden Sie „weggelobt“, gleichzeitig will man sie loswerden – das kommt leicht mal in Richtung Mobbing daher. Dann darf man noch nicht mal viel darüber sagen, so denken Sie vielleicht, denn man bekommt ja einen ordentlichen Batzen Geld. Und das Umfeld nervt mit Aussagen wie „Was willst Du eigentlich? Du bekommst doch ordentlich Geld, was grämst du dich?“

Innere Unsicherheit und Zweifel aus einem als negativ erlebten Aufhebungsvertrag führen zu Verunsicherung und Sorgen, die sich zu Ängsten auswachsen können.

Gleichzeitig fühlen Sie sich jedoch vielleicht gezwungen „Gute Miene zum bösen Spiel“ zu machen. Sie verkünden also tapfer „natürlich bekomme ich das alles wieder in Griff und finde auch bald eine neue Stelle“  – aber die Selbstzweifel im Inneren werden größer und größer. Aus meiner langjährigen Coaching-Erfahrung weiß ich: So lange Sie nicht offen darüber sprechen, sich vertrauensvoll austauschen, so lange verbauen Sie sich den Weg zu einer neuen, auf die jetzige Situation passende, Einstellung und Haltung.

Der verführerische Batzen Geld

Einen fünf- oder gar sechsstelligen Betrag auf dem Konto zu haben, gibt einem das Gefühl, das Geld reicht ewig (erst recht, weil 50plusser oft denken, sie bekommen problemlos sofort wieder eine Stelle).

Freuen Sie sich über das Geld! Es ermöglicht Ihnen eine neue, vielleicht andere berufliche Zukunft. Damit es jedoch nicht einfach unbemerkt immer weniger wird, ist es wichtig, Kassensturz zu machen:

  • Wie viel Geld steht mir monatlich für meine Ausgaben zur Verfügung?

Und vor allem:

  • Wie lege ich das Geld an?

Meine Empfehlung an meine Coaching-Kunden ist: Setzen Sie sich so früh wie möglich hin! Nehmen Sie sich ausreichend Zeit – am besten gleich am Anfang, kurz nachdem Sie nicht mehr in die Firma gehen, und erstellen Sie Ihren Einnahmen- und Ausgaben-Plan – monatlich und jährlich, damit Sie einen wirklich realen Überblick über den Geldfluss haben.

Dann überlegen Sie sich, wie Sie das vorhandene Geld in drei Teile einteilen: Ein Teil ist der von dem Sie jetzt in nächster Zeit leben werden, der zweite Teil ist die „hohe Kante“, eine Reserve für alle Fälle. Und der dritte Teil ist das Startkapital, mit dem Sie in eine neue, andersartige berufliche Zukunft starten werden. Da ist es noch egal, ob Sie wieder einen Angestelltenvertrag unterschreiben oder doch jetzt endlich den Schritt in die Selbstständigkeit wagen.

„Erstmal Urlaub!“

Dieser Gedanke ist mehr als berechtigt. Es liegt eine lange Zeit der konstanten Berufstätigkeit hinter Ihnen, das Unternehmen hat den Urlaub oder die Freizeit genehmigt. Endlich sind Sie nicht mehr fremdbestimmt. Sondern sind Herr oder Frau über Ihre Zeit. Kein Wunder, dass da der Gedanke aufkommt „Das habe ich mir verdient nach all den Jahren!“

Trotz alledem ist auch hier eine ziemlich große Stolperstelle versteckt. Denn Sie verschenken Zeit! In der Regel gibt es Defizite, die man nach so langer Zeit in derselben Firma hat (technisch, Know-how im Fachbereich, …) und denen Sie sich widmen sollten, bevor es ans Bewerben geht. Die Welt da draußen hat sich weitergedreht. Wer lange in derselben Firma war, kennt diese Firma, diese Abläufe, diese Leute und die Gewohnheiten dort. Sie waren etabliert und routiniert. Doch das ist jetzt nicht mehr. Sobald Sie wieder in den Arbeitsmarkt zurückgehen, beginnen Sie neu – und in mancherlei Hinsicht wirklich bei Null!

Das Gegenteil der ausgiebigen Urlauber gibt es natürlich auch: Die Rastlosen! Gerade diejenigen, die gern arbeiten und eigenverantwortlich handeln, vielleicht in der Hierarchie höher standen, wollen so schnell wie möglich wieder in Lohn und Brot.

Doch Knall auf Fall woanders, in einem fremden Unternehmen in die gleiche  Position/Situation zu kommen, schaffen wenige. Und von denen, die sich zu wenig Zeit für eine klare Analyse gelassen haben, gehen viele noch in der Probezeit. Deswegen ist die berufliche Reflexion, die Rückschau, aber auch das Zielestecken für die nahe Zukunft mehr als wichtig. Es ist schon gut, die freie Zeit für sich zu nutzen und unter anderem das „Was will ich überhaupt“ gründlich für sich zu klären. So schützen Sie sich vor dem Misserfolg an einer neuen Stelle und auch davor, einfach im alten Trott zu landen, nur woanders.

Besonders auffallend ist bei einem Teil meiner Coaching-Kunden, dass Sie schleichend vom „selbst gewählten Urlaub“ in eine „selbst auferlegte Passivität“ rutschen.

Zur Passivität verdammt?

Häufig höre ich den Satz „Ich kann ja jetzt noch nichts tun. Mein Aufhebungsvertrag läuft ja noch bis …“ oder „ich bin ja erst ab … freigestellt“. Achtung! Wer so denkt, ist auf dem besten Weg in die Untätigkeit. Klar, dieses Denken ruft sofortige Lähmung und Blockade hervor. Selbst wenn sich mal ein Gedanke regt, nach dem Motto „Vielleicht schaue ich mal in die Jobbörsen“ kommt der Hammer „Du kannst jetzt noch gar nichts tun, die Freistellung endet erst am …!“

Das ist der größte Fehler, den Sie in der Situation mit einem Aufhebungsvertrag begehen können. Wer sollte Sie hindern, sich Gedanken über ihre beruflichen Wünsche zu machen? Wie sollen Sie denn Ihrer künftigen beruflichen Tätigkeit auf die Spur kommen, wenn Sie sich nicht einmal konzentriert damit befassen? Befreien Sie sich umgehend von der Denke  „Ich kann ja nichts machen, ich bin ja noch gebunden.“ Im Gegenteil: Nutzen Sie bitte die Zeit, die Ihnen zur Verfügung steht!

Es fehlt eine geregelte Struktur

 Ja, im Augenblick haben Sie unendlich viel Zeit. Doch je länger Sie in diesen unstrukturierten Tagen steckenbleiben, umso weniger finden Sie zu sich selbst. Noch schlimmer: Sie verlieren sich im Laufe der Zeit. Anfangs hilft einem vielleicht noch das gewohnte frühe Aufstehen. Doch je länger Sie ohne Arbeit sind, desto schwieriger wird es, den Tag sinnvoll zu strukturieren. Oder haben Sie auf Dauer Lust der „Bote der Familie“ zu werden oder der neue Koch im Haushalt? Nach dem Motto „Du hast ja Zeit“, werden nach und nach Erledigungen oder Aufgaben im Haushalt bis hin zum Einkaufen und Kochen auf den Arbeitslosen geschoben bzw. die Arbeitslose erfährt noch weniger Unterstützung bei den gemeinsamen Arbeiten. Machen Sie sich darum bitte Gedanken über Ihre Zeit! Sorgen Sie für einen geregelten Arbeitsablauf, in dem Sie Relaxzeiten genauso einplanen, wie Austausch mit anderen und berufsrelevanten Themen. Themen können sein sich beruflich orientieren, was es so gibt; sich auseinandersetzen, was Sie alles auf dem Kasten haben und künftig gerne tun wollen oder Ihr Know-how an einer bestimmten Stelle aufmöbeln.

Die Unsicherheit, wie man eine neue Stelle finden soll, kann lähmen.

Kennen Sie den Gedanken „jetzt wird es aber Zeit – ich muss mich bewerben!“ Die Frage ist jedoch, wo und wie bewerbe ich mich? Die letzte Bewerbung liegt schon so lange zurück. Selbst wenn Sie bis zuletzt selbst Leute eingestellt haben, auf einmal sitzen Sie auf der anderen Seite. Darum werden Ihnen anfangs mehr Fragen als Antworten durch den Sinn gehen.

Dazu kommt, je länger Sie in der Arbeitslosigkeit verharren, umso schwieriger wird es. Es ist schon so eine Art Teufelskreislauf: Sie brauchen einen Vorstellungstermin, um sich persönlich darstellen zu können. Bevor Sie jedoch zu diesem Termin kommen, brauchen Sie richtig knackige, konkret auf diese Stelle bezogene Bewerbungsunterlagen. Das bedeutet Arbeit. Und dann wird es noch nicht mal immer gleich belohnt, trotz aller Mühe, die Sie sich gemacht haben. Denn bevor Sie die für Sie passende und richtige Stelle gefunden haben, erleben Sie viel Ablehnung und „Nein, danke!“

Es ist ein offenes Geheimnis; Sie brauchen Kraft, Energie und vor allem Ausdauer, um konstant und regelmäßig den Arbeitsmarkt zu sondieren und Ihre passgenauen Bewerbungen zu schreiben.

Noch eine Stolperstelle wartet auf Sie – nach dem Sie den Arbeitsvertrag unterschrieben haben. Die Rückkehr in das Berufsleben und damit der erneute Einstieg fällt vielen nicht gerade leicht. Nachdem Sie so eine ganze Zeit vor sich hingelebt haben, ohne Struktur und Pünktlichkeit, beginnt es schon mit dem Probearbeiten. Das Unternehmen erwartet von Ihnen Zuverlässigkeit. Das beginnt beim pünktlichen Einhalten der vereinbarten Zeiten, geht über die lückenlosen Unterlagen bis hin zu dem Namen merken der Kollegen, die einem gerade vorgestellt wurden.

Fassen wir also zusammen

Nach dem Aufhebungsvertrag geht es vor allem erst mal darum, sich neu zu sortieren.

  • Wie will ich mit meiner Zeit umgehen, damit ich mir weder unnötig Druck mache, noch den Schlendrian einziehen lasse – geschweige denn, von anderen fremdbestimmt werde.
  • Wie schaut’s finanziell aus, wenn ich mit dem Geld haushalten möchte (so dass idealerweise längerfristig was übrig bleibt).
  • Vor allem ist es wichtig, die Freistellung als Zäsur zu nutzen: Ziehen Sie Bilanz über Ihre bisherige Berufstätigkeit und auch über Ihr privates Leben. Entspricht es dem, was Sie gerne leben wollen? Oder was sollte an welcher Stelle wie geändert werden? Sie können sich sogar neu erfinden, indem Sie über Ihre ganz frühen Berufswünsche nachdenken und schauen, was davon noch heute gelebt werden will. Ich coache Sie gerne!

 

Bildnachweis “Aufhebungsvertrag” I adobe Stock