„Ich weiß gar nicht, was ich eigentlich kann.“
Diesen Satz höre ich in meiner Arbeit mit Frauen und Männern 50plus immer wieder. Häufig sind es Menschen, die seit Jahrzehnten berufstätig sind.
Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich. Doch wer viele Jahre berufstätig ist, hält vieles von dem, was er kann, irgendwann für selbstverständlich. Man hat Aufgaben übernommen, Probleme gelöst und Veränderungen bewältigt – ohne sich bewusst zu machen, welche Erfahrungen, Fähigkeiten und Stärken darin stecken.
Wenn dann ein beruflicher Neustart ansteht, taucht plötzlich die Frage auf: Was kann ich eigentlich – und was davon möchte ich heute noch beruflich nutzen?
In aller Kürze
- Ihre Berufserfahrung ist kein fertiges Paket für den nächsten Job, sondern das Material für eine neue berufliche Richtung.
- Entscheidend ist, was Sie weiterhin nutzen, weiterentwickeln oder bewusst zurücklassen möchten.
- Diese Klärung kommt vor Lebenslauf, Bewerbung und Jobsuche.
Berufserfahrung allein ist noch keine neue berufliche Richtung
Es soll etwas anders werden. Bestimmte Aufgaben möchten Sie nicht mehr übernehmen. Vielleicht hat sich Ihre Lebenssituation verändert. Möglicherweise wünschen Sie sich weniger Verantwortung – oder gerade noch einmal eine neue Herausforderung. Auch der Wechsel in eine andere Branche oder ein neues Aufgabenfeld kann infrage kommen.
Ihre bisherige Erfahrung bleibt dabei wichtig. Doch der Blick darauf ist jetzt ein anderer. Nun geht es darum, bewusst auszuwählen, was Sie weiterhin nutzen möchten, was nicht mehr zu Ihnen passt und was in Ihrer nächsten beruflichen Phase mehr Raum bekommen soll.
Für diese Klärung hat sich in meiner Arbeit mit Frauen und Männern 50plus eine klare Reihenfolge bewährt:
Erst sortieren, dann auswählen und anschließend neue berufliche Möglichkeiten entwickeln. Jobsuche und Bewerbung kommen danach.
Sortieren: Was steckt in Ihrer Berufserfahrung?
Eine 59-jährige Kundin, die ich bei ihrem beruflichen Neustart begleitete, hatte viele Jahre in verschiedenen Unternehmen und Branchen verantwortungsvolle Büroarbeit geleistet. Als wir über ihre berufliche Erfahrung sprachen, fasste sie diese zunächst so zusammen:
„Ich habe eigentlich immer Büro gemacht.“
Doch „Büro“ sagte wenig darüber aus, was sie in all diesen Jahren tatsächlich geleistet und gelernt hatte.
Wir schauten deshalb genauer hin: Welche Aufgaben hatte sie übernommen? Wofür trug sie Verantwortung? Was musste sie selbstständig organisieren oder lösen? Mit wem arbeitete sie zusammen? Und was hatte sie über viele Jahre hinweg immer wieder erfolgreich bewältigt?
Erst durch diese genauere Betrachtung entstand aus „Büro“ ein differenziertes Bild ihrer beruflichen Erfahrung. Dabei wurden Fähigkeiten und Stärken sichtbar, die für ihre weitere berufliche Orientierung wichtig waren.
Beim Sortieren sammeln Sie Tätigkeiten und Berufsbezeichnungen und arbeiten heraus, welche Erfahrungen, Fähigkeiten und Stärken darin stecken.
Auswählen: Was möchten Sie beruflich weiter nutzen?
Dieser Schritt kommt bei einer beruflichen Neuorientierung häufig zu kurz. Oft richtet sich der Blick zuerst darauf, was jemand gut kann. Doch nur weil Sie etwas gut können, müssen Sie es nicht bis zum Ende Ihres Berufslebens weiterhin tun.
Nach vielen Berufsjahren braucht es deshalb eine ehrliche Bestandsaufnahme. Dabei geht es nicht nur um das, was Sie nachweislich gut können. Ebenso wichtig ist, was Sie heute noch gerne machen, was Sie weiterhin einsetzen oder weiterentwickeln möchten – und was Sie in Ihrer nächsten beruflichen Phase bewusst nicht mehr tun wollen.
Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Zu einer beruflichen Neuorientierung gehört auch eine klare Entscheidung:
Was möchte ich weiterhin tun – und was auf keinen Fall mehr?
Vielleicht haben Sie lange Personalverantwortung getragen und möchten diese künftig nicht mehr übernehmen. Vielleicht beherrschen Sie bestimmte Aufgaben sehr gut, möchten damit aber nicht mehr den größten Teil Ihrer Arbeitszeit verbringen. Oder Sie stellen fest, dass eine Fähigkeit, die in Ihrem bisherigen Beruf nur am Rande gefragt war, künftig eine größere Rolle spielen soll.
Beruflicher Neustart mit 50plus bedeutet für mich deshalb: Sie nehmen Ihre gesamte Erfahrung in den Blick und wählen bewusst aus, was davon zu Ihrer nächsten beruflichen Phase gehören soll.
Neu denken: Was lässt sich aus Ihrer Erfahrung entwickeln?
Ein anderes Beispiel aus meiner Coachingpraxis: Ein 53-jähriger Kunde hatte seit Jahrzehnten im Vertrieb gearbeitet – überwiegend im Außendienst und in unterschiedlichen Branchen.
Auf meine Frage, was er bisher beruflich gemacht hatte, kam spontan die Antwort:
„Ich bin Vertriebler.“
Für ihn war damit zunächst auch klar:
„Also suche ich wieder eine Stelle im Außendienst.“
Damit hätte er seine Suche sehr früh auf das begrenzt, was er bisher gemacht hatte.
Lassen Sie uns einmal schauen, was hinter „Vertrieb“ steckt.
Über die Jahre hatte er Erfahrungen mit unterschiedlichen Kunden, Anforderungen und Situationen gesammelt. Da er in verschiedenen Branchen mit unterschiedlichen Produkten gearbeitet hatte, verfügte er außerdem über ein umfangreiches und vielseitiges Fachwissen.
Nun ging es darum, herauszufinden, welche seiner Erfahrungen und Fähigkeiten auch in anderen Aufgabenfeldern gebraucht werden könnten – und was davon er künftig noch einsetzen wollte.
Erst auf dieser Grundlage ließ sich sinnvoll überlegen, welche Tätigkeiten, Aufgabenfelder oder Branchen heute zu ihm passen könnten.
Ich beobachte immer wieder, dass an dieser Stelle die entscheidende Frage zu eng gestellt wird. Viele fragen zuerst:
„Welche Stelle passt zu dem, was ich bisher gemacht habe?“
Damit wird die Suche von Anfang an auf die bisherige Tätigkeit begrenzt. Um den Blick für weitere berufliche Möglichkeiten zu öffnen, helfen folgende Fragen:
- Was habe ich in meinen bisherigen Tätigkeiten gelernt und entwickelt?
- Welche Fähigkeiten lassen sich auf andere Aufgaben übertragen?
- Was davon möchte ich künftig einsetzen?
- Wo könnten diese Erfahrungen und Fähigkeiten gebraucht werden?
Die Antworten zeigen, welche Tätigkeiten und Stellen zu Ihren Fähigkeiten und zu Ihren Vorstellungen für die nächste berufliche Phase passen könnten.
Beruflicher Neustart 50plus: Erfahrung neu betrachten
Ihre Berufserfahrung gibt nicht automatisch vor, wie es beruflich weitergehen soll. Sie liefert Ihnen jedoch wertvolles Material für Ihren beruflichen Neustart.
Zuerst machen Sie sichtbar, was Sie in all den Jahren geleistet, gelernt und entwickelt haben. Danach wählen Sie aus, was Sie weiterhin nutzen möchten, was Sie nicht mehr wollen und was künftig eine größere Rolle spielen soll.
So entsteht ein klareres Bild davon, was Sie heute beruflich anzubieten haben und wonach Sie suchen möchten.
Diese Klärung kommt vor Lebenslauf, Anschreiben, LinkedIn-Profil und Jobsuche.
Denn erst wenn Sie selbst Ihr berufliches Profil klarer sehen, können Sie es auch anderen verständlich und überzeugend vermitteln.
Wo stehen Sie heute?
Wenn Sie über einen beruflichen Neustart nachdenken, müssen Sie noch nicht genau wissen, wie Ihr nächster Job aussehen soll.
Wichtig ist zunächst, Ihre aktuelle Situation einzuordnen: Was beschäftigt Sie besonders? Welche Fragen sind offen? Was möchten Sie sich als Nächstes genauer anschauen?
Mein kostenloser Selbstcheck „Wo stehe ich beruflich?“ unterstützt Sie dabei, diese Fragen für sich zu klären und einen sinnvollen Ausgangspunkt für Ihre weitere berufliche Orientierung zu finden.
Hinweis: Die Beispiele aus meiner Beratung wurden zum Schutz der beteiligten Personen anonymisiert.

