Muss ich wirklich fünf Tage die Woche Vollzeit arbeiten?
Für viele Menschen passt das klassische Modell mit 40 Stunden und festen Zeiten nicht mehr zur Lebenssituation, besonders ab 50plus. Denn hier geht es nicht nur um den Wunsch nach mehr Freiraum: Die Gesundheit macht nicht mehr alles mit, die eigenen Kräfte müssen bewusster eingeteilt werden. Dazu kommen oft neue Verpflichtungen – etwa die Pflege der Eltern oder die Unterstützung in der Familie.
Neben diesen Anforderungen bleibt dennoch der Wunsch bestehen, im Beruf wirksam zu bleiben und die eigene Erfahrung einzubringen. Wer beides – Pflichten und persönliche Bedürfnisse – gut in Einklang bringt, kann den Beruf so gestalten, dass er tragfähig bleibt und gleichzeitig zum Leben passt.
Wenn Vollzeit nicht mehr passt: 4 Modelle, die sich bewährt haben
Im Folgenden stelle ich vier Modelle vor, die sich in der Praxis bewährt haben:
- Teilzeit oder reduziertes Pensum
- Projektarbeit oder Interim-Einsätze
- Brückenjobs
- „Selbstständigkeit light“
Zu jedem Ansatz finden Sie eine Einordnung, für wen er passt und worauf es ankommt. Außerdem gibt es immer ein konkretes Beispiel. Prima Ergänzung
1) Teilzeit oder reduziertes Pensum
Teilzeit bedeutet nicht automatisch „Karrierestopp“. Für viele Menschen über 50 ist ein reduziertes Stundenvolumen die Voraussetzung, um gesund, fokussiert und dauerhaft leistungsfähig zu bleiben.
Denkbar sind Modelle wie:
- eine 4-Tage-Woche
- 80–90%-Stellen
- saisonale Auf-/Abstockungen
- oder Jobsharing, bei dem zwei Personen sich eine Rolle teilen
Entscheidend ist, Aufgaben und Verantwortung sauber zuzuschneiden, sodass Wirkung und Ergebnis messbar bleiben, auch bei weniger Stunden.
Wofür es sich eignet:
Kürzere Arbeitszeiten eignen sich gut, wenn Sie Ihre Expertise weiter einbringen möchten, aber Zeit für Betreuung, gesundheitliche Regeneration, Weiterbildung oder Ehrenamt benötigen. Auch für Unternehmen ist Teilzeit attraktiv, wenn Know-how gesichert werden soll, ohne eine volle Stelle zu finanzieren.
Worauf es ankommt:
Klarheit über Prioritäten und Verfügbarkeit! Es braucht eine realistische Aufgabenliste, feste Kommunikationsfenster und Ergebnisse, die sich an Output statt Präsenz messen lassen. Damit schaffen Sie Vertrauen, intern wie extern.
Beispiel – Frau B., 56 Jahre, Teamleitung Backoffice
Frau B. pflegt ihre Mutter und merkte, dass eine 40-Stunden-Woche sie dauerhaft überlastet. Gemeinsam mit ihrem Arbeitgeber schnitt sie ihr Aufgabenpaket auf 80% zu: Reporting und Qualitätssicherung blieben bei ihr, operative Tagesspitzen verteilten sich nun auf das Team. Ihr Fazit nach sechs Monaten: „Mit weniger Stunden arbeite ich konzentrierter, bin verlässlicher erreichbar und meine Ergebnisse sind sichtbar besser strukturiert.“
2) Projektarbeit oder Interim-Einsätze
Projekt- und Interim-Tätigkeiten sind zeitlich befristete Engagements mit klarer Zielsetzung: eine Umstellung begleiten, ein Team überbrücken, Spezialwissen einbringen oder Prozesse stabilisieren. Gerade 50plus-Profile punkten hier mit Erfahrungstiefe, Pragmatismus und Ruhe in komplexen Phasen. Der Kick-off ist klar, die Erwartung transparent, die Wirkung messbar. Kurz: Es ist genau das, was Unternehmen in Übergängen benötigen.
Wofür es sich eignet:
Projektarbeit und Interim-Einsätze sind für Sie interessant, wenn Sie gerne fokussiert arbeiten, Ergebnisse lieben und flexible Einsätze schätzen (z. B. drei bis neun Monate). Wenn Sie sich für dieses Arbeitszeitmodell entscheiden, sollten Sie bereit sein, sich schnell in neue Kontexte einzuarbeiten.
Worauf es ankommt:
Sie brauchen ein prägnantes Projektprofil: Was genau liefern Sie?
Wichtig sind auch Referenzen und Praxisbeispiele. Grenzen Sie Aufgaben, Meilensteine und Erfolgskriterien sauber ab. Klären Sie außerdem Tagessatz oder Honorar gleich zu Beginn.
Beispiel – Frau L., 54 Jahre, Marketing-Expertin
Nach 30 Jahren in der Konzernkommunikation wollte Frau L. nicht mehr „immer alles gleichzeitig“. Sie wechselte in eine projektbasierte Arbeit: Rebranding-Begleitung für drei Monate, Kampagnensteuerung für sechs Monate, dann ein Quartal Pause. „Ich kann meine Erfahrung punktgenau einbringen, ohne Dauerfeuer. Das tut mir gut und den Projekten auch“, sagt sie.
3) Brückenjobs
Brückenjobs sind bewusst einfache, belastungsärmere Tätigkeiten auf Teilzeit- oder Minijob-Basis, die eine Übergangsphase überbrücken, z.B. bis zur Rente, bis nach einer Weiterbildung oder bis sich eine neue berufliche Richtung gefestigt hat. Im Mittelpunkt stehen soziale Einbindung, Tagesstruktur und ein stabiler, wenn auch kleiner finanzieller Beitrag. Wer parallel seine Möglichkeiten prüft, bleibt aktiv und gewinnt Handlungsspielraum.
Wofür es sich eignet:
Brückenjobs sind eine interessante Möglichkeit für Sie, wenn Sie nach einer belastenden Zeit wieder ins Tun kommen möchten, Ihre Kräfte dosieren oder neue Wege erproben. Für Arbeitgeber sind Brückenjobs wertvoll, weil sie Verlässlichkeit und Erfahrung in Alltagsaufgaben bringen.
Worauf es ankommt:
Ehrliche Selbsteinschätzung: Was geht gut? Was lieber nicht? Außerdem braucht es einen klaren Stundenrahmen und eine Tätigkeit, die Routine zulässt. Wichtig ist auch, den Brückencharakter transparent zu machen – als gemeinsames Commitment.
Beispiel – Herr K., 59 Jahre, Ingenieur
Nach einer Phase der Arbeitslosigkeit entschied sich Herr K. für einen Brückenjob: 50% in der Instandhaltung eines mittelständischen Betriebs. Parallel absolvierte er eine Weiterbildung im Technischen Einkauf. „Die Kombination aus Arbeit und Freiraum ist für mich genau richtig. Ich bleibe fachlich drin – und kann mich neu ausrichten“, berichtet er.
4) „Selbstständigkeit light“
„Selbstständigkeit light“ heißt: Sie bringen Ihre Expertise punktuell ein, ohne sofort ein komplettes Unternehmen aufzubauen. Das kann in Form von Micro-Consulting, Trainingsmodulen, Gutachten, Coachings oder wenigen Fixkunden geschehen – oft neben einer kleinen Anstellung. Sie testen Markt, Zielgruppe und Angebot mit überschaubarem Risiko und behalten gleichzeitig soziale und finanzielle Stabilität.
Wofür es sich eignet:
Dieses Arbeitszeitmodell passt zu Ihnen, wenn Sie unternehmerische Luft schnuppern möchten, eine gefragte Nische bedienen können oder einen Baustein (z.B. Prozess-Audit, Fachcoaching, Workshop) mit klar erkennbarem Nutzen anbieten.
Worauf es ankommt:
Ein präzises Nutzenversprechen, einfache Angebots- und Abrechnungsprozesse, klare Verfügbarkeit und ein professionelles LinkedIn-Profil als „digitale Visitenkarte“. Rechtliche und steuerliche Basics sollten vor dem Start geklärt sein.
Beispiel – Herr T., 58 Jahre, IT-Spezialist
Herr T. reduzierte seine Festanstellung auf 60% und bietet zusätzlich Micro-Consulting für kleine Unternehmen an: zwei Pakete, klar bepreist, jeweils mit kurzer Analyse und drei konkreten Handlungsempfehlungen. „Ich teste langsam, was gut nachgefragt wird, ohne gleich voll in die Selbstständigkeit zu springen“, sagt er.
3 klärende Fragen: Wie Sie das passende Arbeitszeitmodell finden
Was ist mir in den nächsten 12 Monaten wirklich wichtig?
Gesundheit, Familie, Umschulung, sinnvolle Projekte?
Woran wird Erfolg bei mir sichtbar?
Ergebnisse, Entlastung, Lernfortschritt, Netzwerkaufbau?
Was brauche ich organisatorisch, damit es funktioniert?
Verfügbarkeit, klare Aufgaben, feste Zeitfenster, finanzieller Rahmen?
Wenn Sie diese Fragen ehrlich beantworten, wird schnell deutlich, welches Modell in Ihrer Lebensphase die besten Chancen eröffnet.
Mein Tipp für die Ansprache von Arbeitgebern
Sprechen Sie nicht primär über „weniger Stunden“, sondern über klare Wirkung bei passender Struktur. Formulieren Sie konkret, welche Aufgaben Sie übernehmen, welche Ergebnisse Sie liefern und wie Erreichbarkeit bzw. Übergaben geregelt sind. So entsteht Vertrauen und Ihr Modell wird zur Lösung, nicht zur Ausnahme.
Fazit: Welche Arbeitszeitmodelle gibt es mit 50plus?
Ob Teilzeit, Jobsharing, Projektarbeit oder eine Kombination aus Anstellung und Selbstständigkeit „light“ – es gibt viele Alternativen zur klassischen Vollzeit. Gerade für Fach- und Führungskräfte 50plus kann ein anderes Arbeitszeitmodell neue Chancen eröffnen: mehr Balance, bessere Gesundheit, Raum für Weiterentwicklung und gleichzeitig die Möglichkeit, die eigene Erfahrung gezielt einzubringen.
Dies war der erste Teil der Reihe „Wenn Vollzeit nicht mehr passt: 4 Arbeitsmodelle für 50plus“. Im November folgt Teil 2: Dort zeige ich Ihnen weitere konkrete Praxisbeispiele, beleuchte Chancen und Stolperfallen sowie Bewerbungstipps und Wege, wie Sie diese Modelle in der Praxis finden und umsetzen können. Wenn Sie per E-Mail benachrichtigt werden möchten, sobald der nächste Teil erscheint, tragen Sie sich gerne kostenlos in meinen Newsletter ein:


